Design Parameter Grundstück Fabriksgasse

Städtebauliche Entwurfsanalyse

Parallel zur Feldforschung wurde entsprechend der städtebaulichen Praxis recherchiert, Informationen (Planmaterial, Studien etc.) gesammelt, analysiert und für den Entwurfsprozess aufbereitet. Aufgrund der Analyse und im Rahmen der Diskussion im Forschungsteam ergaben sich die ersten Entwurfsparameter bzw. entwurfsspezifischen Festlegungen, die in Form von Entwurfsregeln definiert wurden.

Altbestand wird nicht abgerissen und Leerstand sollte seinen ursprünglichen Nutzungen entsprechend kostengünstig revitalisiert werden.

Die historisch gewachsene Dorfstruktur rund um den Karlauerplatz zeichnet sich durch einige sehr alte Bestandsgebäude aus, wie der seit 1733 betriebenen Bäckerei oder dem Gebäude Karlauerplatz 46, in dem 1701 eine Lederstampfe betrieben wurde und das von 1891 bis 1896 die Fahrradfabrik von Johann Puch beherbergte. Entlang des Mühlgangs entstanden im 19. Jahrhundert erste Gewerbe- und Industriebetriebe, wovon der Straßenname Fabriksgasse zeugt. Diese Bestandsgebäude stellen wichtige identitätsstiftende Gestaltungsmerkmale und historische Erinnerungsorte im städtebaulichen Kontext dar und sollten daher erhalten bleiben.

Bilder von historischen Bestandsgebäuden in der Umgebung vom Grundstück Einfahrt Citypark Fabrikgasse, teilweise unter Denkmalschutz

historische Bestandsgebäude in der Umgebung des ausgewählten Grundstückes

Das Betrachtungsgebiet rund um das gewählte Grundstück in der Fabriksgasse zeigt eine Vielfalt an Nutzungen von Wohnen, Gewerbe und eine religiöse Kultureinrichtung. Einige Gebäude um den Karlauerplatz beherbergen in der Erdgeschosszone Gewerbeeinrichtungen und darüber Wohnungen. Diese Verbindung von Wohnen und Arbeiten im Sinne der „gemischten bzw. produktiven Stadt“ (vgl. Europan 14, 2017) soll am Grundstück Fabriksgasse ebenfalls beibehalten bzw. in Entwürfen auf unterschiedliche Art und Weise getestet werden.

bestehende Nutzungen

Öffentliche grünräumliche und fuß- sowie radläufige Verbindungen über das Grundstück schaffen.

Auffällig im Planungsgebiet sind die mangelnden fuß- und radläufige Durchwegungen bzw. Verbindungen und die damit einhergehende Bevorzugung des Autoverkehrs. Ebenso nicht vorhanden sind zusammenhängende Grünräume mit Aufenthaltsqualität. Daher soll beides in den folgenden Entwürfen Berücksichtigung finden.

Erweiterung und Verbindung der offenen Grünfläche

Keine weitere Notwendigkeit neue PKW-Flächen aufzuschließen – keine Tiefgarage.

Das Gebiet rund um das ausgewählte Grundstück beim Citypark weist einen hohen Versiegelungsgrad durch Bebauung und asphaltierte Flächen (Straßen, PKW-Abstellflächen) auf. Zudem gibt es aufgrund des Shoppingcenter einen hohen Anteil an PKW-Abstellflächen (Parkhäusern) im Quartier, die nicht 24/7 Stunden ausgelastet sind und deren Flächenpotenzial durch Verbesserung der Bewirtschaftung optimiert werden könnten. In den Schwarzplänen zeigt sich daher deutlich der Mangel an zusammenhängenden Grünflächen. Es überwiegen Restflächen wie Verkehrsinseln, Park-, Kinderspiel- und Sportanlagen fehlen. Der Autoverkehr dominiert deutlich die Gestaltung des Straßenbilds. Dies zeigt sich vor allem darin, dass der Zubringerverkehr zum Shoppingcenter Citypark nur für den PKW-Verkehr ausgelegt wurde, und ausgewiesene Fuß- und Radwegverbindungen fehlen. Das städtebauliche Prinzip der kurzen Wege blieb unberücksichtigt.

Nicht zu hoch bauen.

Die vorhandene Dichte am Grundstück repräsentiert jeweils einen bestimmten zeitlichen historischen Abschnitt der jeweiligen städtebaulichen Wertvorstellung. Im heterogenen Betrachtungsgebiet finden sich u.a. Reste biedermeierlicher Dorfstrukturen, Teile einer Blockrandbebauung des 19. Jahrhunderts, Wohntürme aus den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts sowie Gewerbebauten und ein Einkaufszentrum 1983 erbaut.
In der Steiermark ist die Dichte laut Bebauungsdichteverordnung mit 2,5 begrenzt. Vorgaben zur Dichte unterscheiden sich je nach Größe der Stadt bzw. Bundesland. Dabei werden innerhalb von Österreich auch unterschiedliche Berechnungsmodelle herangezogen: so wird z.B. in Salzburg die Geschoßflächenzahl berechnet, während in der Steiermark nur die Wandstärke bis zu 30 cm für die Bruttogeschossfläche berücksichtigt wird. In Wien wird keine Dichte berechnet, sondern die maximale Gebäudehöhe vorgegeben. Des Weiteren ist die Dichte immer eine Frage der Maßstäblichkeit, so wird in Graz mit 280.000 Einwohner grundsätzlich mit wesentlich weniger Geschossen gebaut als z.B. in Wien mit 2. Mill. Einwohner.
In der Höhenentwicklung und in der Dichte dominiert im Betrachtungsgebiet der Citypark sowie einzelne Wohntürme südlich des Grundstücks. Eine Neubebauung sollte daher zwischen den unterschiedlichen Maßstäben vermitteln.

Max. 7-8 Wohneinheiten gemeinsam erschließen für eine bessere Nachbarschaft.

Vor allem in einem heterogenen Gebiet, wie hier vorhanden, erscheint es wichtig die bestehenden fragmentierten Wohnquartiere zu stärken. Hier können vor allem kleinere Strukturen wie Zusammenschlüsse von Wohneinheiten, Gemeinschaftsräume u.Ä. unterstützend wirken. Nachbarschaften und Quartiere funktionieren aufgrund bestimmter territorialer Strukturelemente (Zonierungen, Übersichtlichkeit, Infrastruktur) oft vor allem in übersichtlichen Größen und Einheiten, wie erstmals 1961 von Jane Jacobs unter dem Begriff „Defensible Space“ beschrieben und 1972 von Oscar Newmann weiter ausgearbeitet wurde.

Heterogenität ist gewünscht.

Die Stadt Graz erhebt seit 2006 mittlerweile flächendeckend ein Rauminformationssystem, das „Lebensqualitätsindikatoren-Modell“ (LQI-Modell Graz). Dieses ist online abrufbar und informiert über städtebauliche, demographische und gesellschaftliche Situationen auf Basis von regelmäßig erhobenen objektiven Daten und subjektiven Meinungserhebungen aus der Bevölkerung. So kann man für kleinere Gebiete in den Bezirken (hier Gries Nr. 05-3) den Handlungsbedarf nach Zufriedenheit und Wichtigkeit für elf Indikatorengruppen abfragen. Daraus ergibt sich für unser Planungsgebiet ein großer Handlungsbedarf im Bereich Sicherheit, Umweltqualität und Lebenserhaltungskosten und ein mäßiger im Bereich Wohnbau-, Arbeitsplatzsituation und Zusammenleben. Die Wohnsituation und damit zusammenhängend die Zufriedenheit, im Stadtteil zu leben, ist im Bezirk Gries mit 75 % am geringsten in ganz Graz. Zum Vergleich ist im benachbarten Bezirk Lend die Wohnzufriedenheit mit 80,5 % deutlich höher. So will in Gries nur ein Drittel der Bevölkerung im Bezirk wohnhaft bleiben. Auch die Höhe der Mietkosten und das mangelnde Arbeitsplatzangebot im Bezirk wird kritisiert. Städtebaulich wäre eine Verbesserung der Erreichbarkeit des Stadtzentrums, der Arbeitsplätze, Erholungs-, Sport- und Grünraum sowie die Anbindung im Quartier für zu Fuß, mit dem Rad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln wünschenswert. Für die Planung des Entwurfs im Rahmen des Projekts bedeutet dies, dass die Themen Nachbarschaft, Integration, Qualität des öffentlichen Raumes, aber auch leistbares Wohnen und Schaffung möglicher Arbeitsräume zu beachten sind. Generell werden trotz der Nähe zum Citypark fehlende Arbeitsplätze im Gebiet kritisiert.
Folgende mögliche Nutzungen bzw. neu zu schaffende Arbeitsplätze im Planungsgebiet lassen sich aus der Befragung des LQI-Modells ableiten: Einrichtung eines Bauernmarkts (ev. Bauernladens), Einrichtung für Erwachsenenbildung, Einrichtungen von Einsatzkräften (Rettung, Polizei, Feuerwehr), Ärzteordinationen, Angebot für kulturelle Veranstaltungen (Theater, Kino, Konzerte etc.) und Gastronomie. Des Weiteren ist ein Mangel an barrierefreien Wohnungen und ein Mangel an Angeboten sowie Erreichbarkeit von Naherholungs- und Sportgebieten ersichtlich.

Handlungsbedarf

Bundesdenkmalamt

Digitaler Atlas der Steiermark

Entwicklungsplan 4.0 STEK der Landeshauptstadt Graz

Europan 14, 2017

Graz Wiki

Flächenwidmungsplan 3.0 2002 Graz

Ecker, Dietrich. 2. Aufl. 1992. Architektur in Graz 1980-1990. Anhang 32 Bauten 1952-1979. Graz: Verlag Droschl.

Jacobs, Jane (1966): Tod und Leben großer amerikanischer Städte. Bauwelt Fundamente. Bd.4. Berlin: Ullstein.

Katasterplan, Verkehrslärmkataster, Radkarte

Lebensqualitätsindikatoren-Modell Graz (LQI-Modell)

Newmen, Oscar (1972): Defensible space: crime prevention through urban design. New York: Macmillan.

Räumliches Leitbild zu STEK 3.0

Stadt Bauwelt. Die Produktive Stadt, Wie Wohnen, Gewerbe und Industrie 4.0 zusammenfinden können, Nr. 211, 35.2016, 23.09.2016.

Szyszkowitz, Michael / Ilsinger, Renate / Haus der Architektur (Hg.) (2009): Graz_Architecture, 3. Aufl. Graz: Haus der Architektur.

→ Next Project

Get together 18.05.2017