Der peri-urbane Raum

How to look at Urban Sprawl

Möglichkeiten sich Zersiedelung anzunähern. — Welche Haltung lässt sich gegenüber dem komplexen Thema des peri-urbanen Raumes einnehmen? Und lassen sich aus der Betrachtung Methoden entwickeln, die auch für Entwurfs- und Planungsprozesse in diesen Gebieten bedeutsam sind?
Der folgende Beitrag soll zu einer Begriffsklärung der Thematik der zersiedelten Landschaft und der aufgelösten Stadt beitragen.

graphic of The City as an Egg

The City As An Egg, Cedric Price, 1982

Scrambled Egg
Kompakte Stadt – Suburbanisierung – Gefranste Ränder

Im Späten 19. Jahrhundert und im Frühen 20. Jahrhundert veränderten und – vor allem vergrößerten sich – durch Industrialisierung, Landflucht, technologischen und politischen Wandel die Form vieler großer Städte in Europa. Vororte mit eigenen Zentren wurden vom Stadtkörper einverleibt, große Industrie- und Gewerbebetriebe und kommunale Infrastrukturen siedelten sich an den Rändern der Städte an, und wanderten teilweise wieder ab. Brachen entstanden, die in einer weiteren späteren Phase der Stadterneuerung durch neue Funktionen und Nutzungen ersetzt wurden. Wohlhabendere Bevölkerungsschichten siedelten im Zentrum oder in besser gelegenen Grünbezirken. Die Mittelschicht besiedelte mehr und mehr den Stadtrand, große Wohnsiedlungen an designierten Stadterweiterungsgebieten oder wanderten in weiter außen gelegenen Ortschaften ab, die sich zu dem sogenannten Speckgürtel auswuchsen. (Quelle:xxx) Mittlerweile haben sich diese Zonen um weiteren Nutzungen und Funktionen erweitert und weiter ausgebreitet.

graphic of the peri-urban zone Blue Banana Scheme

Blue Banana Scheme, Roger Brunet, 1989 / Graphik Arnold Platon Wikipedia

Welche Haltung lässt sich gegenüber dem komplexen Thema des peri-urbanen Raumes einnehmen?

Seit den 1990er Jahren haben sich auch in europäischen mittelgroßen Städten immer öfter große Gewerbezonen außerhalb des Stadtkerns gebildet, wo sie als Technologie- oder Fachmarktzentren eine vorwiegend automobile Bevölkerungsschicht ansprechen und gemeinsam mit immer stetig anwachsenden Einfamilienhausgebieten zu metropolitanen Stadtregionen zusammenwachsen und vormals ländlich genutzte Räume kannibalisieren.

Die scheinbar endlos voranschreitende Urbanisierung hat auch zu einer Änderung der Diskurse geführt. Während die binäre Sichtweise auf städtischen und ländlichen Raum durch modernistische Modelle und Ideale geprägt war, haben jüngere Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Zersiedelung auch Sichtweisen jenseits der Binarität von Stadt und Land entwickelt. Qviström

Zwischenstadt

1997 einwickelte Thomas Sieverts den Begriff der Zwischenstadt. Das Phänomen der Zwischenstadt ist als Begriff sowie als Realität sehr komplex und unterliegt vielen, unterschiedliche Deutungen. Mit Zwischenstadt werden Siedlungsformen beschrieben, die aus der Auflösung kompakter Städte und ihrer Ausbreitung in die freie Landschaft entstanden sind. Zwischenstadt meint die Verstädterung der Landschaft und ebenso die Verlandschaftlichung der Stadt. Diese verstädterten fragmentierten und hybriden Landschaften charakterisieren Siedlungsformen in denen Einfamilienhaussiedlungen direkt an landwirtschaftliche Flächen angrenzen, wo Autohäuser, Shoppingcenter und Reiterhöfe in unmittelbarer Nachbarschaft von kleinen Wäldchen liegen, durchschnitten von Autobahnen und Bahntrassen, die von Schallschutzwänden gesäumt sind, und wo man nicht sagen kann, wo die eine Stadt oder Ortschaft aufhört und die andere anfängt. Viczenzotti, 2011

Die Zwischenstadt stellt eine Art Paraästhetik dar. Sie erfordert „den Blick öffnen, auf den – landläufig und gemessen an normativen Schönheitsidealen als hässlich betrachteten – chaotischen Formenreichtum der Zwischenstadt. [1] Man müsse die Zwischenstadt zunächst studieren, ihre Regeln kennenlernen und den Blick für ihre Eigenheiten schärfen, erst dann könne man erfolgreich und einfühlsam gestaltende tätig werden. [2]

Frederike Wetzels, Pixelprojekt-Ruhrgebiet, Dortmund, 2011

Peri-urbaner Raum

Der Begriff peri-urbaner Raum entstand eher im europäischen Kontext, in Frankreich und in der Schweiz. Als gemeinsame Nenner unterschiedlicher Autoren kann gelten: Der peri-urbane Raum kann als die Schnittstelle zwischen urbanem und ländlichem Raum innerhalb des urbanen Schattens definiert werden, also die Einflusszone einer Stadt außerhalb der Vororte.
Charakteristika sind, gemischte Landnutzung (ländliche und städtische), hybride Nutzungen, die Erwartung kommender Entwicklung bzw. ImmobiliensSpekulation, eine kontinuierliche Veränderung von produktiver Landnutzung zu postproduktiver Landnutzung und damit verbundene Konflikte, sub-optimale institutionelle Strukturen und schwach entwickelte Infrastrukturen.

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde der Ruf nach alternativen Interpretationen der Zersiedelung laut, die auf die Anerkennung von vernakularen, ungeordneten und multifunktionalen Landschaften pocht. (Shoard 2000, Gallent et.al 2007 , Meeus and Gulinck 2008). Weiters wird für eine Art der Analyse plädiert, die sich von der Zwei-Kulturen-Perspektive (gemeint ist ländlich- städtisch) löst. Qvistrüm 2014

Skizze zum Konzept vom urbanen, peri-urbanen und ruralen Raum

Skizze mit Konzept von PLUREL, 6. EU Rahmenprogramm (2007-11, Nilsson, S.18)

Stadtplan von Graz mit Konzept von PLUREL, 6. EU Rahmenprogramm (2007-11)

Stadtplan von Graz nach dem Konzept von PLUREL, 6. EU Rahmenprogramm (2007-11)

Learning from Methode

1968 gaben Denise Scott Brown, Robert Venturi und Steven Izenour die Seminaraufgabe „Learning from Las Vegas. Die Aufgabe war den Geschäftsstrip in Las Vegas in derselben Art zu studieren wie früher das Studium der Werke des mittelalterlichen Europa, des antiken Rom und Griechenland für die früheren Generationen. […] Ein Ziel des Seminars soll also sein, durch aufgeschlossene und vorurteilsfreie Forschung dem Verständnis dieser neuen Formen etwas näher zu kommen und zumindest ansatzweise Techniken des Umgangs mit ihnen zu entwickeln. So sollte eine Analysemethode für neue Typologien entwickelt werden. In einem weiteren Seminar wurde in ähnlicher Weise die kurz zuvor entstandene Fertigteilhaussiedlung Levittown untersucht.

 

Learning from Las Vegas, 1972

Learning from Las Vegas, 1972

Colomina, Beatriz (2007). Learning from Levittown. A Conversation with Robert Venturi and Denise Scott Brown. in: Blauvelt, Andrew (2008). Worlds Away. New Suburban Landscapes. Minneapolis, Minn.: Walker Art Center. S.49-69

Hayden, D., & Wark, J. (2004). A field guide to sprawl. New York, NY; London: Norton.

Häussermann, Hartmut (1998). “Amerikanisierung” der deutschen Städte – Divergenz und Konvergenz.in: Prigge, W. (1998). Peripherie ist überall. Frankfurt, Main [u.a.]: Campus-Verl., S.76-83

Izenour, S., Venturi, R. Scott Brown, D. (2001). Lernen von Las Vegas : Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt (2. Aufl., 1., unveränd. Nachdr. ed.). Basel [u.a.]: Birkhäuser.

Nilsson Kjell, Pauleit Stephan, Bell Simon, Aalbers Carmen, Sick Nielsen Thomas, Hg. (2013). Peri-urban futures: Scenarios and models for land use change in Europe. Berlin: Springer.

Qviström Mattias, (2013). Peri-urban landscapes. From disorder to hybridity.In: Howard, P. (2013). The routledge companion to landscape studies (1. publ. ed.). London [u.a.]: Routledge. S. 427- 437

Sieverts, Thomas. 1997. Zwischenstadt: zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. Braunschweig: Vieweg.

Stichweh, Rudolf (2005). Zentrum/Peripherie-Differenzierungen und die Soziologie der Stadt: Europäische und globale Entwicklungen. In: Lenger, F.,Tenfelde K. (Hrsg) (2006). Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert: Wahrnehmung, Entwicklung, Erosion. Vol. 67. Köln; Wien [u.a.]: Böhlau. S.502f

Vicenzotti, Vera. 2011. Der „Zwischenstadt“-Diskurs: Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt. Bielefeld: transcript.

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